Bericht vom Schabbes-Wochenende in Mannheim


"Dies Land will ich deinen Kindern geben - Jom ha Schoah und Jom ha Atzma`ut" - so lautete das  Motto eines Treffens jüdischer Studierender vom 11. bis 13. Mai in der Jüdischen Gemeinde Mannheim. Zu diesem Wochenendseminar eingeladen hatte der Landesverein Jüdischer Studenten Baden in Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Studentenverband Heidelberg. Der Einladung in die Quadratestadt folgten rund 40 jüdische Studierende aus verschiedenen Städten der Republik, wie etwa Heidelberg, Hamburg, Stuttgart und München. Diejenigen, die den teils weiten Anfahrtsweg nicht scheuten, wurden durch ein breitgefächertes Angebot an Workshops und der erstklassigen Bewirtung durch die Jüdische Gemeinde Mannheim entlohnt. Dem Konzept der Organisatoren folgend hatte das Wochenende für jeden Geschmack etwas zu bieten: Neben Workshops und Gottesdiensten, hervorragend durch Vorbeter Herrn Günther mit Unterstützung der eigens angereisten Rabbiner David Bollag (Jerusalem) und Benjamin Krauss (Lauder Foundation Frankfurt) geleitet, blieb Freizeit, sich gegenseitig kennenzulernen. Nach dem Erew-Schabbat-Gebet und einem gemeinsamen Kiddusch stellte Rabbi Krauss das Bildungsprogramm der  Lauder Foundation in Deutschland vor. Die Lauder Foundation, seit Jahren weltweit bemüht um die Vermittlung von jüdischem Wissen, engagiert sich seit geraumer Zeit auch in Deutschland. Bei einer anschließenden Diskussion wurde von seiten der Studenten der Unmut darüber geäußert, daß sich die Angebote der Jüdischen Gemeinden in Deutschland überwiegend an jüngere Jüdinnen und Juden bis 20 Jahre oder aber an die Altersklasse der Senioren richtet, wohingegen junge jüdische Erwachsene ab 20 Jahre aufwärts - so ein Teilnehmer - "in ein dunkles Loch fallen. Für uns wird so gut wie nichts angeboten." Kritisiert wurde in diesem Zusammenhang, daß die Zahl von Studierenden, die zu einer aktiven Mitarbeit in einem jüdischen Studentenverband bereit sind, relativ gering ist. Am Beispiel einer süddeutschen jüdischen Gemeinde wurden die Ursachen dafür vor allem gesehen im nicht-kooperativen Verhalten seitens der dortigen Gemeindeleitung, die scheinbar hinter jeglicher Aktivität des Studentenverbands eine "Palastrevolte" wittere. Daß unter diesen Voraussetzung ein Engagement von Studierenden ausbleibt, sei nicht verwunderlich. Demgegenüber waren etliche Teilnehmer positiv überrascht über die herzliche Aufnahme seitens der Mannheimer Jüdischen Gemeinde und über die erfreulich guten Beziehungen des Studentenverbands zum Oberrat der Israeliten Badens. Auch wenn das herrliche Wetter des Samstagvormittag eher zu einem Bummel in den Planken als zu Workshops einlud, fand sich dennoch der größte Teil der Studierenden im jüdischen Gemeindezentrum ein. Und hier wurden denn auch heiße Eisen angepackt: Eli Bar-Chen (München) berichtete beispielsweise über den jüdischen Wider-stand während der NS-Zeit und seine Rezeption in Israel. Während man in Israel und sonstwo jahrelang von der Annahme ausging,  die Juden seien in die KZs "wie Lämmer zur Schlachtbank gegangen", stellt sich in den letzten Jahren ein bei weitem differenzierteres Bild ein. Die Würdigung von Formen jüdischen Widerstands wie etwa des Aufstands im Warschauer Ghetto gehören ebenso zu dieser neueren Sichtweise, wie etwa die des Aufstands im KZ Treblinka oder aber auch die des Wirkens jüdischer Partisanengruppen. Für viele Jüdinnen und Juden stellt sich die Frage,  ob man nach der Schoah (Holocaust) überhaupt noch an Gott glauben kann. Dies war das Thema eines weiteren, von Rabbi Bollag geleiteten Workshop. Sehr feinfühlig stellte sich der Rabbiner dieser sensiblen Thematik, und präsentierte den Teilnehmern eine ganze Bandbreite an Umgehensweisen mit und Positionen zu dieser Frage. In weiteren Workshops formulierte Rabbi Krauss seine Ansichten zur modernen Orthodoxie im Judentum, während einige Teilnehmer mit Rabbi Bollag über die Errichtung des Staates Israel diskutierten und Esther Graf (Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg) ihren Teilnehmern anhand von ausgewählten Werken einige Besonderheiten der Jüdischen Kunst während der NS-Zeit näherbrachte. Am Samstag Abend stellte der Nürnberger Journalist Peter Zinke schließlich sein umstrittenes Buch "Nakam - Jüdische Rache an NS-Tätern" vor, in dem u.a. von einer Gruppe jüdischer Überlebender der Schoah berichtet wird, die im Nachkriegs-deutschland auf eigene Faust Rache an Nazis für ihre umgekommenen Angehörigen nahmen. Von jüdischer Seite wurde dem Autor Zinke (und seinem Co-Autor Jim Tobias) vorgehalten, das Buch würde Antisemiten Argumente liefern, um "die Juden" in nega-tivem Licht dastehen zu lassen.
Nach eigener Aussage ging es den Autoren Zinke und Tobias aber vielmehr um die Präsentation von historisch wichtigem Material und um die Zerstreuung des Vorurteils von Juden als "feige und hilflose Opfer". Nach einer ausgedehnten Kneipentour durch Mannheim am Abend zuvor war als Abschluß des Wochenendes ein Stadtrundgang durch das jüdische Mannheim am Sonntag Mittag vorgesehen. Und daß diese Stadt einiges an jüdischer Geschichte zu bieten hat, wußte David Kessler, Kulturreferent der Jüdischen Gemeinde Mannheim, den Teilnehmern zu vermitteln. Trotz Hitze verstand es David Kessler in sympathischer und witziger Weise, die Studierenden für die im jüdischen Kontext wichtigen Gebäude und Personen der Stadt zu interessieren. Die Veränderung des Stadtbilds und die sprichwörtliche Lücke, die die nicht mehr vorhandenen Synagogen heute hinterlassen, wurde besonders deutlich durch die Anfertigung einer Bildermappe ehemaliger jüdischer Gemeindeeinrichtungen durch Herrn Kessler. Wie bedeutsam die Stadt für die Juden Mannheims war, verdeutlicht sich besonders durch deren Teilnahme am gesellschaftlichen Leben und am sozialen Engagement für die Stadt und ihre Einwohner. Der jüdische Stadtrat Bernhard Herschel stiftete der Stadt z.B. um 1920 ein öffentliches Hallenbad, und dies in einer Zeit, in der Bademöglichkeiten noch nicht zur Grundausstattung der Mannheimer Wohnungen gehörten. Ironischerweise war Juden der Zutritt zu diesem Bad in den 1930er Jahren verboten. Was den Teilnehmern des Wochenendseminars sicherlich in Erinnerung bleibt, ist die Bekanntschaft mit einer offenen und freundlichen Stadt Mannheim und einer lebendigen und engagierten Jüdischen Gemeinde.