LJSB-SCHABBES-WOCHENENDE IN BAD SOBERNHEIM

Unter dem Motto "Schabbes-Wochenende II" verbrachten 80 junge Juden aus ganz Deutschland Anfang November ein viertägiges Seminar in Bad Sobernheim. Der Vorstand des Landesverbandes Jüdischer Studenten Baden (Maxim Arbitmann, Claudia Nikoloff, Pedro Roche) veranstaltete dort eine Reihe von Schiurim zu einerseits religiösen und andererseits gesellschaftlich-jüdischen Themen.

Rachel Heuberger, die kurzfristig für Herrn Ginzel eingesprungen ist, ging zunächst einmal auf die Entwicklung der Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden in Deutschland seit 1945 ein. Während die jüdischen Überlebenden aufgrund ihrer Vergangenheit lange Zeit bevorzugt unter sich blieben, stellte zunächst die Reaktion vieler Juden auf den Antizionismus der 68er Revolution sowie sowie Mitte der 80er Jahre die Reaktion auf die Bitburg- und Fassbinderaffäre einen Bruch dar. Das war das erste mal seit dem Krieg (nach dem Holocaust), dass Juden öffentlich aufgetreten sind, um ihre Meinung zu vertreten. Erst mit Ignaz Bubis s.A. setzte sich bei Juden eine Einmischung und Stellungsnahme zu nicht jüdischen Belangen wie z.B. Politik durch. So öffneten sich nach und nach die jüdischen Gemeinden sowie ihre Mitglieder (die einzelnen Juden) nach außen hin.

Frau Heuberger gab weiterhin einen Überblick über die Entwicklung der jüdischen Gemeinden seit dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland. Da die meisten Juden Jahrzehnte lang einerseits "auf gepackten Koffern saßen", weil sie Deutschland nach dem Holocaust für ein nicht zum Wohnen würdiges Land empfanden, andererseits viele von ihnen überaltet waren, erschien ein Bild reiner jüdischen "Liquidationsgemeinschaften" in der deutschen Landschaft. Dadurch erklärte sich das für Deutschland einmalige System der Einheitsgemeinde, die viele religiöse Strömungen unter einem Dach vereinen soll. Im Laufe der Jahrzehnte wurden die jüdischen Gemeinden zu einer Einwanderungsgemeinschaft, die sich zunächst aus Remigranten sowie deren Nachkommen und aus Emigranten aus verschiedenen Ländern z.B. den osteuropäischen Displaced Persons unmittelbar nach Kriegsende zusammensetzte. In späteren Jahrzehnten folgten weitere Einwanderungswellen aus Ländern wie z.B. dem Iran und Israel.

So erklärt sich die jahrzehnte lang konstant gebliebene Anzahl von Juden in Deutschland auf knapp 30.000. Seit den 90er Jahren hat sich mit der Zuwanderung der Juden aus der ehemaligen UdSSR die jüdische Gemeinschaft in Deutschland verdreifacht. Die sich hieraus ergebenden Folgen waren und sind beträchtlich: Einerseits das Entstehen neuer Gemeinden vor allem in Ostdeutschland sowie andererseits die Schwierigkeit der Einführung der zumeist atheistischen Juden aus der ehemaligen Sowjetunion. Gleichzeitig stellt die Integration der Neuzuwanderer in die jüdischen Gemeinden eine weitere Herausforderung dar.

Zum Stichwort "Einheitsgemeinde" äußerte sich auch Dr Michel Friedman: "Die Einheitsgemeinde wird oft mit orthodoxen Gemeinden verwechselt." Außerdem bestünde zur Zeit die Schwierigkeit, dass noch nicht alle die Möglichkeit haben, einen G"ttesdienst gemäß ihrem Glauben zu besuchen. "Die Einheitsgemeinde ist demnach der beste Kompromiss, um allen Juden entgegenzukommen und niemanden dabei auszugrenzen." Aufgrund des stetigen zahlenmäßigen Anstiegs sei es erst in einigen jüdischen Gemeinschaften überhaupt möglich gewesen, die G"ttesdienste nach religiöser Auffassung zu führen. Inwiefern die Einheitsgemeinde erhalten bleiben kann, sei momentan nicht absehbar, dennoch vom Zentralrat wünschenswert.

Michel Friedman betonte weiterhin die Wichtigkeit eines jüdischen Bewusstseins für die jungen Generationen in Deutschland.
Herr Friedman beschrieb dabei den Studenten die Rolle des Zentralrates bezüglich der politischen Vertretung der Juden sowohl nach innen als auch nach außen, wobei das wichtigste Ziel das Zusammenleben und auch die Vereinigung aller Juden in Deutschland sei, unabhängig ihrer Herkunft.

Auf die Frage hin, inwiefern die jüdische Gemeinschaft positiv weiter fortgeführt werden könne, antwortete Herr Friedman: "Man muss auf ein selbstbewusstes jüdisches Leben hinarbeiten, offen und ohne Angst, um die Wichtigkeit am Aufbau einer jüdischen Infrastruktur zu betonen und zu unterstützen. In den nächsten Jahren wird sich entscheiden, wie sich die deutsche Gesellschaft im soziokulturellen Bereich weiter entwickeln wird", weshalb Herr Friedman in der regen Teilnahme der jungen Juden an der heutigen deutschen Gesellschaft den bestenAnsatz für die Zukunft der Juden in Deutschland sieht. Er forderte die jüdische Jugend auf, sich zu engagieren, z.B. in den Zentralrat einzutreten, damit dieser nicht nur aus alten Leuten bestehe.

Robert Stafler - Identität. "Maase Awoth Ssiman l'banim" ("Die Tat der Väter ist ein Zeichen für die Söhne")

Mit Robert Stafler diskutierten die Teilnehmer über die jüdische Identität und wie sie ihr "Judesein" definieren. Zahlreiche Teilnehmer maßen dem Zusammengehörigkeitsgefühl unter Juden sowie der Zugehörigkeit zu einer Minderheit besondere Bedeutung zu. Ein Teilnehmer meinte: "Für mich hat Judentum mehr mit jüdischer Tradition, Kultur und Geschichte als mit Religion zu tun." Für andere Personen ist jedoch "die Kenntnis des Judentums sowie die Auseinandersetzung damit (Tradition, Ausführung) besonders entscheidend, um das Judentum weiterzuvererben". Ein weiterer Teilnehmer betonte jedoch, daß Kenntnisse übers Judentum zwar wichtig sind, für das Weitervererben jedoch nicht ausreichen, weil das Judentum sonst zu einem "inhaltsleeren Gerüst" würde.

Dr. Markus Thill hielt eine sehr informative mehrteilige Einführung in den Talmud. In einem ersten Schiur am Freitag Morgen erläuterte er dessen Ursprünge, Aufbau, Inhalt, Gedankenwelt und Argumentationsketten. In einem zweiten ebenfalls rege besuchten interaktiven Schiur am Nachmittag gab er einen Überblick über das Verhältnis des Talmuds zur Halacha. Schon während dieses Schiurs wurde von manchem Teilnehmer die Relevanz des Talmuds für jüdisches Leben heute in Frage gestellt. In der Diskussion bestand jedoch mehrheitlich Konsens darüber, daß Tradition überall und besonders im Judentum eine große Bedeutung zuzumessen ist. Im abschließenden Schiur am Schabbath Nachmittag wurde diese Frage am Beispiel der Sterbehilfe sehr kontrovers diskutiert. Auf der einen Seite standen die Verfechter der Meinung, daß ein jeder seine eigenen Erfahrungen machen sollte, auf der anderen Seite die derjenigen, die das Lernen von den Vorfahren als sehr hilfreich betrachteten und die Meinung vertraten, daß insbesondere ein "jüdisches" Verhalten ohne das Wissen um die Traditionen und daraus abgeleiteten gesellschaftlichen Regeln schwerlich oder gar nicht möglich ist. Autoritätsgläubigkeit als Wert an sich wurde dabei in beiden Fällen mehrheitlich abgelehnt. Die hohe Zahl an Teilnehmern sowohl am Freitag als auch am Samstag trotz der Alternative eines Nachmittagsspaziergangs zeigte auch hier wieder, daß jüdische Studenten auch heute noch großes Interesse an den Inhalten des Judentums haben und sich bei entsprechendem Angebot gerne damit auseinandersetzen wollen.

Im Rahmen des viertägigen Seminars fanden als Ausgleich zu den Seminaren und Vorträgen ein Chassidischer Tisch, zwei Feten statt. Zeev Heinrich brachte in sehr entspannter Atmosphäre einigen Teilnehmern recht israelische Tänze bei. Dabei wurde bei einigen das motorische Geschick auf die Probe gestellt, andere haben sich ganz tapfer geschlagen!

... und (selbstverständlich) fand sich ein Minjan zu allen Gebeten. Die größeren G"ttesdienste, Erew Schabbath und Schabbath Morgen, die zum großen Teil von zwei jungen Israelis geleitet wurden, waren von der lebhaften Teilnahme vieler junger Betender geprägt und wurden so zu einem echten Erlebnis.

Dadurch daß einige Referenten am Donnerstag kurz vor Beginn kurzfristig abgesagt hatten, stand das Wochenendseminar zu Anfang unter einem unglücklichen Stern. Schon Freitag Morgen lichtete sich jedoch das Dunkel, insbesondere durch das Einspringen von kompetenten Ersatzreferenten. Insgesamt war das Wochenendseminar schließlich nach Meinung der Teilnehmer und aus Sicht der Veranstalter ein großer Erfolg, die Angebote wurden dankbar und lebhaft angenommen. Es war ein Plädoyer und Beitrag zur Verbreitung und Leben von Jiddischkeit unter jungen Juden in Deutschland, besonders auch durch die beeindruckende Schabbath-Atmosphäre.